Die Perle am Taquari

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Arroio do Meio - Die Perle am Taquari - 10 Tage in Brasilien und doch irgendwie zuhause                                          

Wenn man an Brasilien denkt, fallen einem spontan wohl am ehesten Palmen, Strände und hübsche Frauen ein. So war es vor meiner Reise in den Herbstferien auch bei mir.

Dass es jedoch auch eine andere – deutschere - Seite gibt, habe ich schnell feststellen müssen. Aber fangen wir von vorne an: Im 19. Jahrhundert sind viele Deutsche, insbesondere aus dem Hunsrück und dem Saarland, nach Brasilien ausgewandert, da dort eine Perspektive auf sie wartete, die sie so in Deutschland nicht sahen. Angesiedelt haben sich diese Deutschen  zum Großteil im Süden des Landes und damit eben auch in Arroio do Meio, jener Stadt, die heute Partnerstadt von Boppard ist. Diese Partnerschaft kam zu Stande, da beispielsweise unser Bürgermeister Dr. Walter Bersch Verwandte mit gleichem Nachnamen in Brasilien ausfindig machen konnte. Ihm folgten weitere Familien aus Boppard und den Stadtteilen, woraus ein regelmäßiger Kontakt und schließlich die Gründung des „Freundeskreises“ folgten. Besiegelt wurde die Städtepartnerschaft im August 2013 durch den Besuch einer Delegation aus Brasilien. Der Gegenbesuch einer gemeinsamen Delegation der Stadt Boppard und des Freundeskreises fand im November 2013 statt. Im Partnerschaftsvertrag wurde dann unter anderem auch vereinbart, dass die beiden Städte im jährlichen Wechsel einen Jugendaustausch durchführen.

Im Oktober 2014 war es dann auch soweit. Die erste offizielle Jugenddelegation aus Boppard flog in der Zeit vom 18.10. bis 29.10.2014 nach Arroio do Meio. Die Delegation bestand aus 10 Jugendlichen im Alter von 16 bis 22 Jahren sowie dem Delegationsleiter Jürgen Pörsch, der gleichzeitig Vorsitzender des Freundeskreises ist. Zu dieser Gruppe gehörte nun also auch ich. Mit Erwartungen, Vorfreude und natürlich einer gewissen Aufregung ging es dann samstags ab Frankfurt los. Insgesamt 13 Stunden Flug lagen vor uns und, wenn man die meisten Filme schon gesehen hatte und kein Auge zu bekommt, kann sich das schon mal in die Länge ziehen. Aber irgendwann war es dann soweit und wir landeten in Brasilien, genauer gesagt in Porto Alegre, einer Stadt mit 1,4 Millionen Einwohnern. Hier wurden wir auch sofort herzlichst begrüßt und das Ganze auf Hunsrücker Platt. Da ich nicht aus dem Hunsrück stamme, habe ich hier schon teilweise Probleme die Menschen zu verstehen. Wenn das Ganze jetzt aber auch noch am anderen Ende der Welt mit Portugiesisch gemischt wird und man sowieso mit der Situation zunächst überfordert ist, versteht man nur Bahnhof. Die Überforderung sollte kurz darauf nicht nachlassen, als wir in einer Art Grillhütte vom Bürgermeister und weiteren Teilnehmern des Austauschs bzw. des Freundeskreises begrüßt wurden. Man bekam sofort ein riesiges Glas Caipirinha in die Hand gedrückt, während bei gefühlten 40°C im Schatten unter Palmen das Fleisch in rauen Mengen auf dem Grill lag. Dass dieses Fleisch, das sogenannte Churrasco, uns die nächsten Tage ein stetiger Begleiter sein würde, wusste zu diesem Zeitpunkt noch keiner von uns.

Nach dem ausgedehnten Essen war es dann an der Zeit, Bekanntschaft mit den Gastfamilien zu machen, bei denen wir die nächsten 10 Tage verbringen werden. Im Vorhinein hatte man zwar schon etwas Kontakt über E-Mail, nichtsdestotrotz war die Anspannung groß, wie man mit der Familie klar kommen würde, in was für einem Haus man unter gebracht ist und was einen sonst noch so erwarten würde. Nach einem etwas holprigen Start ohne Strom und Internet (in der Nacht zuvor war eine Palme auf die Stromleitung gefallen), habe ich mich aber relativ schnell in dem tollen Haus mit Pool und Ausblick auf Palmen wohl gefühlt. Auch die Familie war total herzlich und stets um mein Wohlergehen besorgt. Total klasse war auch, dass praktisch jeder in der Nachbarschaft deutsch, oder zumindest deutschen Dialekt, sprach, sodass man sich mit jedem verständigen konnte. Somit ging dann auch der erste ereignisreiche Tag zu Ende.

Die kommenden Tage waren vollgepackt mit den verschiedensten Programmpunkten. So stand zunächst eine offizielle Begrüßung in der Stadtverwaltung durch den Bürgermeister an, denn schließlich waren wir im Auftrag der Stadt Boppard unterwegs. Am selben Tag bekamen wir auch eine Stadtführung durch Arroio do Meio. Hier zeigte sich auch wieder, dass der Süden Brasiliens nicht unbedingt den Vorstellungen und Träumen entspricht, da alles doch recht europäisch wirkte, bis vielleicht auf ein paar Palmen und die Temperaturen. Dieser Eindruck sollte sich jedoch am nächsten Tag schon wieder ändern. Denn hier besuchten wir die nächstgelegene größere Stadt, Porto Alegre, wo wir bereits zwei Tage zuvor am Flughafen ankamen. Die Stadt war groß, laut und wir wurden im Vorhinein vor einer gewissen Kriminalität gewarnt. Trotzdem war es eine beeindruckende Erfahrung zwischen den Häuserschluchten zu spazieren. Leider sah man hier zum ersten Mal auch eine gewisse Armut, da beispielsweise Kinder im Müll schliefen. In unseren Gastfamilien, die eigentlich alle gutsituiert leben, bekam man hiervon natürlich nichts mit, aber leider hat Brasilien auch diese Seite. Am Abend kam dann aber auch zum ersten Mal so richtig Brasilien-Flair auf, als wir an der Strandpromenade unter Palmen spazierten und einen wunderschönen Sonnenuntergang genießen konnten. Den Abschluss fand dieser Tag in einer „Gaucho-Scheune“, einem Restaurant, in dem ausschließlich Churrasco serviert wurde, mit dem wir ja bereits bei unserer Ankunft Bekanntschaft machen konnten. Solche Mengen an Fleisch habe ich in meinem Leben noch nie gesehen und man kam auch eigentlich überhaupt nicht zum Essen, da ständig ein Spieß, auf dem das Fleisch gebraten wird, neben einem stand und man gefragt wurde, ob man denn noch etwas haben möchte. Es ist nämlich so, dass dieses Fleisch direkt vom Spieß auf den Teller abgeschnitten wird.    

In den nächsten Tagen besuchten wir das Universitätsgelände, einen botanischen Garten, Wasserfälle,  eine Teemühle und ein Brot-Museum. Zu den beeindruckensten Erlebnissen gehörte aber definitiv der Morro Gaucho, der höchste Berg in der Gegend. Nach einer abenteuerlichen Fahrt mit dem Bus auf eben diesen Berg (in Deutschland wäre man hier noch nicht mal mit einem Traktor nach oben gefahren), konnten man einen wunderschönen Ausblick genießen und über die Weite des Landes nur staunen. Nicht minder beeindruckend war auch der Besuch einer Eisenbahnbrücke, die zu den größten der Welt gehört. Auch von hier aus hatte man einen genialen Ausblick und konnte mehrere Kilometer auf den Schienen in schwindelerregender Höhe spazieren. In den zehn Tagen zeigte sich, dass in Brasilien irgendwie alles doch etwas größer ist als bei uns in Deutschland. Die Bäume, die Käfer und Spinnen, die Fleischmengen, …

Als ich samstags in Deutschland losfuhr hätte ich auch nie damit gerechnet, dass ich sogar zwei Mal im brasilianischen Radio zu hören sein würde. Denn ich hatte mich mehr oder weniger freiwillig bereit erklärt zum einen ein Interview beim Universitätsradio und zum anderen bei einer lokalen Radiostation in Arroio do Meio zu geben. Doch nicht nur hier hat die Reise mir neue Erfahrungen beschert. Die herzliche und lockere Lebensart der Brasilianer hat mir gezeigt, dass nicht alles im Leben immer so ernst genommen werden sollte und man sich auch an den kleinen Dingen erfreuen kann. Neben dieser Erkenntnis haben wir in den 10 Tagen auch einige Menschen kennengelernt, bei denen ich mir sicher bin, dass auch noch in einigen Jahren ein guter Kontakt bestehen wird. Und das ist ja schließlich auch Sinn und Zweck eines solchen Austausches.

Nichtsdestotrotz gab es aber einige Punkte, in denen Brasilien noch viel vor sich hat. So ließ oftmals die Infrastruktur noch zu wünschen übrig, denn sobald man die Stadt verlässt, sind die Straßen kaum noch geteert. Auch gab es teilweise sehr abenteuerliche Kabelkonstruktionen, bei denen es nicht wundert, dass regelmäßig der Strom ausfällt. Trotzdem haben die 10 Tage gezeigt, dass Brasilien auf einem guten Weg ist.

Für mich als angehenden Erzieher war natürlich auch die Frage spannend, wie die Kindergärten in Brasilien aussehen. So wurde mir kurzfristig ein Termin in einer Einrichtung besorgt, bei dem ich die Möglichkeit hatte, einen Vormittag dort zu verbringen und mich mit der Leitung zu unterhalten. Jedoch waren die Verhältnisse kaum mit Deutschland zu vergleichen. Die Kinder wurden, nach Alter getrennt, in den jeweiligen Gruppenräumen betreut und nach einem streng geregelten Tagesplan versorgt. Die Kinder verbringen auch praktisch den gesamten Tag, von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, im Kindergarten. Etwas erschreckend war, dass jeder Gruppenraum mit Fernseher ausgestattet war, der anscheinend auch täglich genutzt wird. Auch wurden Sicherheitsaspekte deutlich lockerer gesehen. So war beispielsweise der Putzraum nicht abschlossen und das Außengelände mit spitzen Kieselsteinen versehen. Trotzdem haben die Kinder überlebt und werden groß. Vielleicht sollte man hierüber in Deutschland mal nachdenken. Insgesamt war es also ein sehr interessanter Besuch, der mir für meine Ausbildung zum Erzieher einige Erkenntnisse oder zumindest Denkanstöße brachte.

Bei so viel Programm war es kein Wunder, dass die Zeit wie im Fluge verging. So kam der Montag auch viel zu schnell. Trotz 37°C konnten wir aber die Tour zu einigen lokalen Betrieben wie einem Bio-Bauern, einer Schnapsbrennerei oder einem Imker, durchaus genießen. Der Tag fand seinen Abschluss bei einem gemeinsamen Abendessen, bei dem man sich nochmal von allen verabschieden konnte.   

Der richtige Abschied folgte jedoch erst am Tag darauf, denn morgens ging es dann schon wieder zurück nach Porto Alegre zum Flughafen. Schweren Herzens mussten wir also nun ein Land hinter uns lassen, in dem man sich doch irgendwie schon zuhause fühlte und gute Freunde gefunden hatte. Natürlich freute man sich aber auch auf zuhause und war dann doch erleichtert, am nächsten Tag wieder deutschen Boden unter den Füßen zu haben. Nichtsdestotrotz bleiben viele schöne Erinnerungen, die man wohl sein Leben lang nicht vergisst. Und wer weiß, vielleicht zieht es ja den ein oder anderen unserer Gruppe irgendwann mal wieder nach Brasilien. Ich bin mir sicher, wir würden alle wieder herzlich dort aufgenommen.

Ganz besonders möchte ich mich auch nochmal bei Frau Knechtges bedanken, die diese Reise überhaupt möglich gemacht hat, da sie mich damals für den Austausch vorgeschlagen hatte. Die Stadt Boppard wird auch sicherlich im nächsten Jahr wieder Jugendliche suchen, die die Reise nach Arroio do Meio antreten wollen. Und so kann ich jedem nur den Rat geben, sich für einen solchen Austausch zu melden und ein fremdes Land, eine fremde Kultur, kennen zu lernen. Es lohnt sich definitiv.

Außerdem ist seit heute der erste Vlog, also Videotagebuch, über meine Reise nach Brasilien, auf meinem YouTube-Channel online. Hier werden in den kommenden Tagen noch einige weitere Videos folgen.  Hier der Link zum Video:

                       https://www.youtube.com/watch?v=9HlCbJXRiKw

Daniel Sauerland